Herzlich willkommen zu unserer Interview-reihe mit den Menschen hinter dem OpenChain-Projekt. Während es bei Open Source hauptsächlich um Software geht und bei Governance hauptsächlich um Lizenzen, handelt es sich auch um die Geschichte von Tausenden von Personen, die zusammenarbeiten. Wir hoffen, dass diese Interviews unsere Leser informieren und inspirieren, und mehr Menschen ermutigen, an Open Source und OpenChain teilzunehmen.

Unser dreizehntes Interview ist mit Marcel Scholze von PwC

Sie beschäftigen sich schon seit einiger Zeit mit Technologie und Compliance und haben jetzt eine Führungsposition im Bereich Open Source. Können Sie uns ein wenig darüber erzählen, wie Sie zu Ihrem Unternehmen gekommen sind, auf welche Weise Sie sich mit Technologie beschäftigen und wie Sie Open Source erstmals entdeckt haben?

Zuerst einmal vielen Dank für dieses Interview und all die großartigen Sachen, die OpenChain macht und noch vorhat. Ich freue mich über die Partnerschaft mit OpenChain und darüber einen Beitrag leisten zu können!

Zurück zur Frage: Ich habe meine IT-Karriere bereits vor 25 Jahren während meiner Schul- und Studienzeit begonnen, denn ich war schon damals von Computern, Programmierung und IT-Dienstleistungen begeistert – meine Expertise habe ich während meines Informatikstudiums weiter ausgebaut und direkt nach meinem Diplom in 2007 bei PwC angefangen. Innerhalb unseres Bereichs IT-Sourcing konnte ich meine frühe Leidenschaft für IT und Open Source als globales Sourcing- und Kooperationsmodell für IT-Lösungen beruflich professionalisieren und fortsetzen.

Inzwischen bin ich Leiter des Bereichs Open Source Software Management & Compliance Services – dieser umfasst alle unsere OSS-Dienstleistungen „from strategy through execution“, um unsere Mandanten dabei zu unterstützen, OSS besser zu nutzen, zu fördern und zu steuern.

Open Source ist ein wichtiger Aspekt für die gemeinsame und partnerschaftliche Umgestaltung von IT-Infrastrukturen und -Anwendungen. Mit unserem globalen Netzwerk von Beratungs-, Prüfungs-, Compliance- und Rechtsexperten bieten wir professionelle Dienstleistungen für eine Vielzahl von Mandanten an, darunter auch “Building Trust in Open Source”.

Ihr Engagement für Open Source ist sehr interessant. Hinter den meisten unserer Technologien steht Software, und hinter dem Großteil unserer Software steht Open Source. Relativ gesehen gibt es jedoch nur wenige Koordinatoren, Manager oder Juristen mit umfangreicher Erfahrung mit diesem Technologieansatz. Wie gehen Sie an Entscheidungen für Unternehmen und Organisationen heran, die Open Source einsetzen oder ihre Nutzung von Open Source ausweiten möchten und wie unterstützen Sie diese Entscheidungen?

Ich glaube, dass die globale Nutzung und die Expertise im Bereich Open Source in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen sind. Es stimmt zwar, dass es relativ wenige Koordinatoren mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich Open Source gibt, aber es ist unwahrscheinlich, dass es so bleibt. Der Vormarsch des Internets, IoT, die Digitalisierung etc. bringen uns an einen Wendepunkt in der Technologiegeschichte, an dem sich Konzepte für globale Zusammenarbeit, Mitwirkung und kundenspezifische Anpassung auf jeden Aspekt der Lieferkette auswirken.

Jede Überlegung zur Nutzung oder Erweiterung von Open Source ist ein einzigartiges Unterfangen, da die Situation unserer Mandanten selten die gleiche ist. Es gibt keinen einheitlichen Ansatz, es geht darum, unseren Kunden zuzuhören und ihre Gründe und Hoffnungen, ihre Herausforderungen und Vorteile sowie ihre strategischen Überlegungen und rechtlichen Grenzen zu verstehen. Wenn diese Themen noch nicht beantwortet werden können, helfen wir unseren Mandanten, sich zurechtzufinden und sachkundige und richtige Entscheidungen zu treffen. Open Source muss im Kontext von Zeitgeist, Mindset und Transparenz verstanden werden.

Bei OpenChain dreht sich alles um Open-Source-Compliance in der Lieferkette. Unser Industriestandard schafft Vertrauen, und unser Referenzmaterial hilft Unternehmen beim Aufbau von Prozessen zur Erfüllung des Standards. Sich dieser Diskussion zum ersten Mal zu nähern, kann ein wenig verunsichernd sein. Die meisten Menschen sind bescheiden, was ihr Verständnis von Lizenzen oder die Wahl des “besten” Ansatzes zur Lösung einer geschäftlichen Herausforderung betrifft. Es mag ein starkes Wort sein, aber oft lässt ein gewisses Gefühl der Angst die Menschen zögern. Wie haben Sie gelernt, dieses Thema mit einer positiven und offenen Einstellung anzugehen?

Open Source ist ein dezentralisiertes Ökosystem mit sehr wenigen Konstanten und globalen Randbedingungen. Ein gewisser Respekt vor dem, was von Natur aus unkontrollierbar ist, sollte nicht mit Angst verwechselt werden, da vielen die Instrumente zur Bewältigung dieser neuen Herausforderungen fehlen.

Am Markt sehe ich Übergänge von “keine Angst”, da sie die OSS-Risiken nicht kennen, zu “Angst”, da sie die Risiken kennen, aber nicht über ausreichende Instrumente verfügen, um sie zu reduzieren, zu “Respekt / unter Kontrolle” nach einer erfolgreichen Implementierung eines OSS-Managementsystems. In welchem Stadium sich unser Mandant auch immer befindet, wir unterstützen ihn gerne auf seinem Weg und bemühen uns um ein ausgereiftes und solides OSS-Management und Risikobegrenzungssystem.

Eine Sache, mit der sich das OpenChain-Projekt beschäftigt, ist die Diversität. Unser Projekt entwickelt einen langfristigen Industriestandard, und unsere strategische Perspektive wird in vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten gemessen. Um das Potenzial in unserer Gemeinschaft zu nutzen, müssen wir sicherstellen, dass sich Menschen durch geschlechtsspezifische oder persönliche Entscheidungen nie unerwünscht oder ausgeschlossen fühlen. In einigen Märkten wie China und Korea ist etwa die Hälfte der Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, weiblich. In anderen Märkten, wie Japan und den Vereinigten Staaten, ist der Anteil der Frauen weitaus geringer. Hatten Sie mit geschlechtsspezifischen Herausforderungen zu kämpfen und wie haben Sie diese bewältigt?

Die Förderung der Diversität liegt in der DNA von PwC und wird von uns in unseren Projekten und in der Zusammenarbeit mit unseren Mandanten gelebt. Ich bin fest davon überzeugt, dass Diversität es uns ermöglicht, Ergebnisse von höchster Qualität zu erzielen. Sie ist ein konstanter Wert der Zusammenarbeit, die in der Denkweise aller Beteiligten verankert werden muss. Ein solider Ansatz zur Lösung möglicherweise bestehender Probleme besteht darin, die Veränderung zu sein, die wir sehen wollen, und sich dafür einzusetzen, das Richtige zu tun.

Die nächste Frage steht in direktem Zusammenhang mit der letzten. Da sich das OpenChain-Projekt mit Diversität befasst, müssen wir akzeptieren, dass alle Teile unseres Projekts kontinuierlich verbessert werden müssen. Unsere sozialen Strukturen, unsere Meeting-Formate, unsere Prozesse zur Schaffung oder Verbesserung von Materialien. Es gilt, alle nur möglichen Herausforderungen zu erwägen, damit Menschen sich willkommen und ermutigt fühlen. Können Sie uns in diesem Prozess mit Verbesserungsvorschlägen unterstützen?

Internationale Beziehungen und grenzübergreifende effiziente Zusammenarbeit sind komplexe Aufgaben. Die Bewältigung der daraus resultierenden Herausforderungen ist für jede multinationale Organisation wichtig. Für uns bei PwC ist die Zusammenarbeit und die Wertschätzung der Diversität ein zentraler Wert für unseren Erfolg.

Wenn ich mir OpenChain ansehe, denke ich, dass vieles richtig gemacht wird. Von lokalen Arbeitsgruppen zu übersetztem Feedback für den englischen Konsens. Ich glaube nicht, dass es ein Thema gibt, das jetzt direkt behandelt werden muss, aber hin und wieder könnte eine Session zum Thema Diversität und Inklusion und was das für uns im Rahmen von OpenChain bedeutet, ein guter Reminder für alle Beteiligten sein. Auch Sessions zu neutraler Sprache innerhalb der Kommunikation zwischen allen Teilnehmern (Ausdrücke wie “Hallo Jungs vs. Hallo zusammen” oder “Blacklist/Whitelist vs. Erlaubt/Abgelehnt-Liste”) könnten eine gute Ergänzung zu den Bemühungen bezüglich Inklusion bei OpenChain sein.

Überall in der Welt ist Alter ein Thema. Unsere Bevölkerungen werden älter, und die soziale Distanz zwischen jungen und alten Menschen scheint zu wachsen. Menschen Anfang zwanzig scheinen sehr wenig mit Menschen in fortgeschrittenem Alter gemeinsam zu haben. Das ist natürlich verständlich, und natürlich gab es schon immer Generationsunterschiede. Im Zusammenhang mit Open Source wird jedoch auch unsere Bevölkerung immer älter, das Durchschnittsalter der Teilnehmer liegt zwischen 30 und 55 Jahren. Vielleicht haben wir mehr ältere als junge Menschen. Haben Sie Vorschläge, wie wir junge Menschen für Projekte wie OpenChain interessieren und gewinnen können?

Kurze Antwort auf diese Frage: Ich denke, Open Source selbst hat kein Altersproblem. Dennoch konzentriert sich OpenChain auf die Compliance von Open Source innerhalb von Organisationen, was für Menschen mit etwas mehr Berufserfahrung ein relevanteres Thema zu sein scheint. Da OpenChain dazu beiträgt, die Risiken in Zusammenhang mit Open Source zu reduzieren, stärkt und ermöglicht OpenChain letztendlich die Nutzung von Open Source und Contributions zu Open Source im Unternehmensumfeld, was schließlich für Jung und Alt gleichermaßen von Vorteil ist.

Es besteht ein großer Unterschied zwischen taktischen Aktivitäten, die alltägliche Probleme lösen, und strategischen Aktivitäten, die größere Herausforderungen lösen. OpenChain ist im Wesentlichen auf Strategie ausgerichtet. Das bedeutet, dass unsere Teilnehmer über die Zukunft nachdenken und dass wir auch darüber nachdenken müssen, wie viele taktische Maßnahmen einer strategischen Mission dienen können. Die Leute fragen oft, wie man das macht, und sie bemerken immer wieder, dass es schwierig ist, strategisch zu denken, wenn viele Unternehmenskennzahlen auf vierteljährlichen Aktivitäten basieren. Können Sie aufgrund Ihrer eigenen Erfahrungen Vorschläge machen?

Strategisches Denken ist eine Kombination aus Kunst und Wissenschaft und erfordert daher Kommunikation und verschiedene Inspirationsquellen ebenso wie das exakte Verständnis der Materie. Dies ist die Essenz dessen, was ein professionelles Beratungsunternehmen wie PwC anbieten und unterstützen kann. Für sich selbst über den Tellerrand des Alltags hinauszudenken erfordert viel Energie, daher empfehle ich zur Erreichung einer strategischen Denkweise eine regelmäßige Überprüfung und einen regelmäßigen Austausch mit Kollegen außerhalb des täglichen Kontextes. Communities wie OpenChain sind tendenziell ein großartiger Ort, um diese Kontakte zu finden.

Wir haben in diesem Interview viele ernste Fragen gestellt. Jede Ihrer Antworten ist äußerst wertvoll für unsere gegenwärtige und unsere zukünftige Gemeinschaft. Bei OpenChain geht es darum, Wissen zu teilen und allen zu helfen, es besser zu machen. Wir sind jedoch nicht nur eine trockene, faktische Gemeinschaft. Wir haben auch viele positive soziale Beziehungen und es besteht die Hoffnung oder ein Ziel, dass OpenChain auch Spaß macht. Wir arbeiten alle zusammen, um interessante Herausforderungen zu bewältigen. Haben Sie irgendwelche Tipps, wie Menschen in ein Projekt wie OpenChain kommen und die Erfahrung sowohl persönlich als auch im geschäftlichen Sinne bereichernd finden können?

An Compliance-Projekten beteiligt zu sein bedeutet, sich auf die Vermeidung von Risiken zu konzentrieren – das klingt nicht wirklich nach Spaß, oder? Ich denke jedoch, es geht um positive Zusammenarbeit, Interaktion, Inklusion und die menschlichen Verbindungen, die auf diesem Weg geknüpft werden, was sehr bereichernd sein kann. Aus geschäftlicher Sicht ist der lohnendste Aspekt eines langfristigen Projekts wie OpenChain, wenn es neue Perspektiven, Ideen und Lösungen bietet und es durch den Beitrag aller noch weiter vorankommt.

Sie waren so nett und haben diese Fragen auf Englisch und Deutsch beantwortet. Die Zukunft von Open Source und OpenChain liegt jedoch nicht in der englischen Sprache, sondern in der Kommunikation von Mandarin über Hindi bis hin zu Deutsch. Die Zukunft muss sicherstellen, dass die Menschen in jeder Nation frei zusammenarbeiten können. Wir halten die Meetings der lokalen Arbeitsgruppen bereits in der Landessprache ab, aber gibt es einen Weg, wie wir die Sprachbarrieren noch weiter reduzieren können?

Wir haben im Laufe der Jahre mehr und weniger erfolgreiche Implementierungen von multinationalen Projekten und Aktivitäten erlebt. OpenChain gehört zu den erfolgreicheren, da die Hauptkommunikation auf Englisch erfolgt und gleichzeitig Materialien und lokale Arbeitsgruppen in den jeweiligen Landessprachen bereitgestellt werden. Ich denke, das funktioniert sehr gut, und ich habe bisher noch keine Beschwerden mitbekommen. Trotzdem, sobald eine lokale Arbeitsgruppe eingerichtet ist und ihre eigenen Ergebnisse in der lokalen Sprache vorlegt, ist es wichtig diese der globalen OpenChain Community zur Verfügung zu stellen (Upstream), um nicht disjunkten Projektzweigen (forks) zu enden. Wie auch immer, ich blicke positiv in die Zukunft und wie eines Tages die KI-Technologie mehrsprachige Simultanübersetzungen bereithalten wird – ermöglicht durch Open-Source-Frameworks.

Vielen Dank Marcel!